Forschungsprogramm

Motivation

Rechtsvorschriften sind, bedingt durch ihre große Zahl und die hohen technischen Anforderungen an ihren Regelungsgehalt, zunehmend komplex und untereinander stark vernetzt. Diverse Charakteristika moderner Rechtsordnungen, die für sich betrachtet legitim, und begrüßenswert sein mögen, können in Kombination dazu beitragen, dass Normstrukturen erheblich vom Idealbild textueller und gedanklicher Stringenz abweichen. Als Konsequenz erscheinen umfangreiche Normbestände oftmals als undurchsichtig und unnötig komplex.

Unterstützung rechtswissenschaftlichen Arbeitens durch die Informatik

Diese systemischen Eigenschaften können teilweise auf die unzureichende Gestaltung und Ausführung von Informationsverarbeitungsprozessen zurückgeführt werden. Die Informatik als Wissenschaft der systematischen Verarbeitung von Informationen bietet Instrumente, die dazu beitragen können, eine Teilmenge der Herausforderungen zu bewältigen. Die gleichzeitig stattfindende Digitalisierung der Welt und der Fortschritt der Informatik, in methodischer als auch inhaltlicher Hinsicht, erlauben es, Innovationen in der Prozessunterstützung einzuführen, die einen Beitrag zur Gestaltung eines effizienteren, verlässlicheren und damit auch gerechteren Rechtssystems leisten können. Durch die Bereitstellung von Such- und Sichtungsmethoden für juristische Datenbanken beispielsweise hat die Informatik schon heute einen wesentlichen Beitrag zur Unterstützung rechtswissenschaftlichen Arbeitens geleistet.

Erforschung der Perspektiven

Angesichts der beständigen Weiterentwicklungen auf dem Gebiet der Informatik bestehen noch erhebliche Potenziale bei der Erschließung von Synergien zwischen der Rechtswissenschaft und der Informatik. Hier setzt das Forschungsprojekt Lexalyze an. In mehreren Forschungsgebieten sollen Anwendungsmöglichkeiten der Informatik untersucht und für eine breitflächige Rezeption in rechtwissenschaftliches Arbeiten aufbereitet werden.

Interdisziplinäre Zusammenarbeit

Um der skizzierten Problematik beizukommen ist ein intensiver Diskurs zwischen Rechtstheoretikern und Informatikern notwendig. Dieser Diskurs wird im Rahmen eines breit angelegten Forschungsprogramms „LexAlyze“ unter Teilnahme von Forschungsgruppen der Ludwigs-Maximilians-Universität und der Technischen Universität München auf wissenschaftlicher Ebene geführt.

Forschungsbereiche im Einzelnen

Das Forschungsprogramm Lexalyze nähert sich den identifizierten Problemen auf mehreren Ebenen an:

  1. Modellierung rechtlicher Normstrukturen
    Rechtliche Normen hängen in komplexen interrelativen Strukturen zusammen. Eine Formalisierung dieser Strukturen in eine formale Sprache verspricht grundlegende Erkenntnisse über die Komplexität, Interdependenz und Qualität von Rechtsnormen. Ziel von Lexalyze ist die Entwicklung einer formalen Beschreibung von Rechtsnormen, die den Normgehalt juristischer Regelungen möglichst einfach und treffend erfasst. Hierzu sollen exemplarisch konkrete juristische Rechtsquellen formalisiert werden.
  2. Metrische Analyse der Sprache und Struktur des Rechts
    Das Recht wird beherrscht von der Sprache, in der es gesetzt ist. Vorstöße auf dem Gebiet der Rechtslinguistik und Rechtstheorie haben in der Vergangenheit bereits grundlegende Eigenschaften der Rechtssprache identifiziert. Noch weitgehend unergründet sind hingegen die Möglichkeiten einer automatisierten Analyse von Rechtsvorschriften. Die Qualität von Rechtstexten wird durch ein Feld von Eigenschaften indiziert, die vielfach einer quantitativen Untersuchung jedenfalls näherungsweise zugänglich sind. Derartige quantitative Metriken können, sofern sie hinreichend verfeinert sind, mächtige Instrumente der Qualitätsanalyse darstellen. Insbesondere die Erkennung wiederkehrender Muster oder die Bestimmung gemischter Metriken zur Messung von Komplexität, Effizienz oder Regelungsdichte versprechen wertvolle Erkenntnisse.
  3. Verbesserung der strukturellen Qualität von Gesetzen und Vertragstexten
    Es ist zu erwarten, dass die Analyse von Rechtsnormen konzeptuelle Gemeinsamkeiten zwischen allgemein als gut befundenen und reformbedürftigen Gesetzen aufdecken wird. Daraus können in einem nächsten Schritt allgemeine Grundsätze entwickelt werden, die qualitativ hochwertiges Recht nicht nur beschreiben, sondern auch dessen Entwicklung begünstigen können. Diese Erkenntnisse können für eine Anwendung in der Rechtssetzungspraxis wie auch in der Rechtswissenschaft fruchtbar gemacht werden. Darüber können die Synergiebefunde unter Umständen auch zur qualitativen Verbesserung von Vertragstexten sowie zur Operationalisierung von deren Inhalten beitragen.